Eisenbahn

                             

 

                                                      Marinka

 

 

 

Dass einzelne Bereiche des Dorfes Dugopolje Namen von einigen alten Familien tragen, war mir schon bekannt. Am Friedhof bei St. Michael kann man sie lesen, die Familiennamen an den Gräbern der Balić, Perković, Ban, Čulić, Perišić, Caktaš, Rogošić, Vučković, Marasović, Bosančić, Čipčić, Plazibat, Smodlaka und einiger anderer, deren Familien mit der Vergangenheit Dugoplojes verbunden sind. Von diesen werden eben manche Namen als Ortsangaben verwendet, z.B. Ban, Marasović, Vučković.

 

Dugopolje - der Name, bedeutet „Langes Feld“. Es ist eine längliche Absiedlung von fruchtbarer Erde innerhalb einer Senke unter dem langgezogenen Mosor-Berg, der die Trennung zur Küstenregion der Stadt Split darstellt. Dieser streifenartige Boden ist durch Quermarkierungen auf die Bauern Dugopoljes aufgeteilt. Nachdem der Ort Dugopolje im Zuge der Autobahn Zagreb – Dubrovnik durch Ansiedlungen von teils bedeutenden europäischen Unternehmungen (Metro, Lidl, Mercedes, slowenische und österreichische Firmen) im Ortsteil Podi eine Aufwertung erfahren hat, spricht man etwas spöttisch von „Longfield City“. Die Gemeinde ist wohlhabend geworden.    

 

Die untere Hauptstraße Dugopolje´s entlang des Langen Feldes unter dem Mosor wurde erneuert. Ein gepflegter Bürgersteig und Bus-Stationen mit kleinen Häuschen gehören dazu. Meine Tochter Nicky und ich studieren den Busfahrplan. Der komplett neue Ortsteil Podi hat die Routen der Busse verändert. Der Bus startet normalerweise bei der kleinen Rochus-Kapelle im südöstlichen Ortsteil Kute. Dann durchfährt der Bus den mittleren Teil des Dorfes, Rama, und passiert hier das geschichtliche Zentrum des Dorfes, die Drei Eichen (tri hrasti), wo sich auch eine Bar befindet. Über den nordwestlichen Teil des Dorfes mit Namen Senj verlässt er das Dorf in Richtung Klis, Solin und Split.

 

Neu im Busfahrplan ist, dass jetzt - nur zu bestimmten, am Fahrplan markierten Zeiten - der Bus von einem kleinen Weiler startet, etwas abseits östlich vom Dorf gelegen, mit Namen Vučković, Wohnort und Sitz der bekannten Dugopoljer Familie gleichen Namens, wie schon gesagt, in Kroatien ein gewöhnliches Phänomen, dass sich Familiennamen und geografische Namen decken. Auch die Rückfahrten der Busse aus Split enden nur zu bestimmten Zeiten an diesem Gehöft.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt sagte mir der Name Vučković soviel oder so wenig wie der  anderer Familien am Ort. Und wir hatten zu tun mit unserem Häuschen im Ostteil des Dorfes, wo schon keine Häuser mehr standen und Felder und freie Landflächen mit Wiese und Steinlandschaft Ruhe und Beschaulichkeit ausstrahlten. Dieser Bereich heißt Draga. Unsere Datscha hier war langsam ansehnlich geworden und näherte sich der Bewohnbarkeit.

 

Eine hübsche Trockenmauer, sehr malerisch, umgab unser Grundstück; angefertigt hatte diese Mauer Mirko, ein geschickter Mitvierziger aus dem Dorf, der so manche Talente und Interessen an sich hatte, leider aber auch eine Neigung, welche ihm nicht gut tat – den Alkohol. An zwei Seiten hatte er die Trockenmauer errichtet um das Grundstück der Draga , so wie es ihm meine Frau Ljubica angesagt hatte. Bei der dritten Mauer auf der Nordseite baute er die Mauer bis etwa eineinhalb Meter Höhe, dann aber verließen ihn die guten Kräfte und er ließ die Arbeit sein. Schon vorher hatten gute Freunde ihn aus den wenigen Bars im Dorf geholt und ihn zur Weiterarbeit überredet, konnte er doch mit einer guten Bezahlung rechnen. Nun hatten wir eben auf der Nordseite eine Trockenmauer, die bis auf ein paar Handbreit nicht die richtige Höhe erreichte. Der Whiskey sei es gewesen, so habe ich gehört, der ihn hinderte, dies fertig zu stellen.

 

Ljubica und ich gingen mal wieder den Weg von Nada´s Wohnung (Nada ist Ljubica´s Schwester)  im Ortsteil Senj (westlich) die obere Dorfstraße über den Mittelteil Rama hinauf zur Kirche St. Michael. Die Kirche besetzt die schönste  Stelle des Dorfes – eine Anhöhe inmitten der Ebene unterhalb des Mosorberges und mit einem Rundblick ringsherum. Als wir über Mirko und seine nichtgenutzten Talente sprachen (er spielt auch mehrere Instrumente; er ist einer der Wenigen, die eingehende Kenntnisse haben über die Geschichte des Ortes), zeigte Ljubica von der Höhe des Kirchplatzes dorthin, wo Mirko sein Haus hatte. Nicht weit von der Draga lag es, östlich, nahe dem Hügelzug, über den man zum Dorf Kotlenica kam und zur riesigen Grotte, der spilje - ein typisches Karstphänomen. Gegenüber Ljubica machte ich mich stark dafür, Mirko noch einmal zu aktivieren, ihn zu bewegen, die Nordmauer ganz fertig zu stellen, wessen es ja gar nicht mehr viel bedurft hätte. Auch andere Arbeiten hätte er machen können, etwa die Terrasse der Draga mit Steinplatten auszulegen; oder im Wohnraum eine Wand oder eine Fläche mit steinernen Naturplatten etwas künstlerisch zu verzieren.

 

So kamen wir nach etwa 20 Minuten zu unserem Häuschen in der Draga und platzierten uns auf der Terrasse. Bald kam Nada mit ihrem alten PKW und gesellte sich mit ihrem Mann Schole zu uns. Ich verstand nicht alles, was da nun gesprochen wurde, doch es ging um Mirko, den alten Sünder, und um seinen Wohnort. Nun kamen die Schwestern auch auf den Weiler Vučković zu sprechen, er liegt ja auch im Osten des Ortes und nicht weit von Mirko´s Haus.

 

Die beiden Schwestern, beide verheiratet, waren geborene Ćipčić. Beider Großmutter (Baba) war eine geborene Vučković. Die Schwestern waren wohl seit Gedenken, wenn überhaupt jemals, nicht in dem Gehöft, das den Geburtsnamen ihrer Oma trug, gewesen; und sie kamen jetzt auf die Idee, einfach zu dem Gehöft zu fahren – etwa nur einen Kilometer entfernt -, und zu sehen, wo genau denn ihre Großmutter Marinka geboren war.

 

Schnell waren wir dort; das Gelände stieg leicht an, und die paar Häuser unterschiedlichen Alters waren teils durch Steintreppen miteinander verbunden. Pittoresk war das Gehöft Vučković, man schaute in Werkstätten, Schweine- und Hühnerställe, in Wohnräume; paar Kinder liefen umher und aus den Wohnungen schauten zwei oder drei alte Frauen, um zu sehen, wer da wohl käme. Altertümlich wirkten die Häuser, zweistöckig und zum Teil aus den blanken Felssteinen gebaut, wie in Dalmatien üblich. Es gab aber auch Anbauten und kleine Häuser aus Beton. Hier war nichts asphaltiert; manche Flächen hatten altes Kopfsteinpflaster, sonst pure Erde. Man fühlte sich, wie so oft im Hinterland von Split – in eine andere Zeit versetzt.

 

An einem der ersten Häuser des Gehöfts war hoch an einer Wand eine Gedenkplatte aus Marmor angebracht. Sie war, so stand da, einem „Vorkämpfer“ gewidmet, der 1910 in diesem Haus geboren wurde; er hieß MARKO VUČKOVIĆ-IBAR, Zugführer im II.Bataillon der innerdalmatinischen Abteilung; er fiel als Held im Kampf gegen die Tschetniks am 28. Juni 1942 auf dem Kozjak bei Knin. Ihm sei Dank und Ruhm, 25.Oktober 1982 – so die Inschrift; darüber eingemeißelt der Rote Stern mit Hammer und Sichel. Ein Partisan, gegen die Tschetniks gefallen? Was hatten die Tschetniks hier zu suchen? Ljubica war irritiert.

 

Nachdem wir ankamen, hatten wir den Eindruck, dass sich die paar Leute vor uns verdrücken wollten. Ungeniert wie ich war hatte ich schon mit dem Fotografieren angefangen. Dachten sie, wir wollten etwa einen Anspruch erhe-ben, oder dass wir etwas mit Ermittlungen zu tun hätten oder dass wir sie enteignen wollten? Man konnte sich vorstellen, dass sonst kaum Fremde hierher finden würden. Nada versuchte nun, einer alten Baba zu erklären, dass wir nur aus Neugier gekommen seien; sie gab sich als Enkelin von Baba Marinka zu erkennen. Und Ljubica beteuerte, sie wollten doch nur sehen, wo ihre Baba Marinka geboren worden sei.

 

Nun wurden die Leute etwas zutraulicher und schon stand Schole am Zugang zum Gehöft mit einem alten Mann an einem einfachen Stand und sie tranken ein Glas Rotwein. Ein paar alte Frauen erklärten mal dieses, dann jenes Haus zum Geburtsort der Marinka Vučković. Schließlich einigte man sich auf ein kleineres Haus oberhalb einer schönen alten Treppe aus Pflastersteinen. Hier oben haben sie sich getummelt, so wurde gesagt, Nikola Ćipčić und sein jüngster Bruder Branko, und haben janje (Lamm) gegrillt. Was sie wohl dort wollten – ich weiß es nicht. Es war ja das Geburtshaus ihrer Mutter. Nikola ist der Vater von Ljubica und Nada.

 

Wie lebendig auf einmal der Ort wirkte! Aus den Fenstern sahen neue Gesichter heraus und eine jüngere Frau unterhielt sich eifrig mit den beiden Schwestern. Ich streifte herum und hatte meine Freude an so manchem Motiv, zwei Schweine im Stall mit listigen Äuglein gehörten dazu. Es dämmerte schon und die schrägen Sonnenstrahlen tauchten das Gehöft in ein warmes Licht. Auf dem Weg zum Zugang des Gehöfts sah ich auf einer Betonfläche nahe einer Hauswand einen hübschen schwarzen Hund liegen; mit seinen dunklen Augen schaute er mich an. Hund, dachte ich, warum bellst du nicht, wir sind doch Fremde, da musst du anschlagen. Weißt du nicht, dass dein Name auf Kroatisch pas heißt, das kommt von paziti, das ist aufpassen. Traurig schaute er mich lautlos an, als ob er sagen wollte: Hier am Ort sind die Gefühle ausgebrannt, alle Leidenschaften schon durch, leer und müde bin ich.

 

Ein Auto kam, ein Mann von etwa 40 Jahren stieg aus, er gehörte zum Gehöft und ihm wurde schnell mitgeteilt, wer wir waren. Er beteiligte sich jetzt lebhaft am Gespräch; er war blond und blauäugig, seine Gesichtsfarbe war röt-lich und er wirkte alkoholisiert. Eifrig lud er uns zu irgendwas ein, Wein oder Mahlzeit, ich weiß nicht; und jetzt wurden die Schwestern defensiv; mussten sie auch, denn der Blonde wurde etwas aufdringlich. Aber Nada ist kein Typ, der sich drängen lässt , sie stieg in ihr Auto, wir, Ljubica, Schole und ich mit ihr; aber der Kerl setzte sich auf ihrer Seite so vor ihr Auto, dass sie nicht die Türe schließen konnte. Energisch fuhr sie leicht an, er wich aus und sie schloss sie die Tür. So kamen wir vom Hof.

 

Nach und nach erfuhr ich etwas mehr zum Thema Vučković. Vielleicht zwei Jahre nach 1900 muss sie geboren worden sein, die Marinka Vučković, und wuchs zu einem überaus hübschen Mädchen heran. Der junge Ćipčić war es, der sich um sie bemühte, Ivan, ein gut aussehender Mann aus dem Mittelteil des Dorfes, Rama; groß gewachsen, blond und blauäugig, ein Schwarm der Frauen, etwas dem Alkohol zugewandt; und er konnte auch Italienisch. Als sie sechzehn Jahre alt war, hat Marinka ihn geheiratet und es könnte die ganz große Liebe gewesen sein, schließlich hatten die beiden dreizehn Kinder. Das zweite Kind war Nikola Ćipčić, er selbst Vater von fünf Kindern, darunter Ljubica und Nada; er wurde 1920 geboren.

 

Doch ganz ohne dunkle Seiten war diese Ehe nicht. Marinka ging einmal wieder in die Bäume; dort fand sich der wilde grüne Spargel, der so herrlich schmeckt mit gekochten Eiern; oder um Brombeeren zu holen. Sie verlor ihr Kopftuch; dass es vielleicht im Gebüsch hängen geblieben war. Ihr Mann Ivan bemerkte es, als sie nach Hause kam. Voller Eifersucht warf er ihr Untreue vor und verprügelte sie. Daraufhin zeigte sie ihn an, für die damalige Zeit ein bemerkenswerter Vorgang. Hat er sie schon beim ersten Mal verletzt oder hat er, Ivan, sie auf die Anzeige hin noch einmal geschlagen – Marinka trug einen Nierenschaden davon; nur eine ihrer beiden Nieren arbeitete noch. Es kam zum Verfahren gegen Ivan Ćipčić, in welchem Marinka gegen ihren Mann aussagte, ungeheuerlich zu damaligen Zeiten. Seitdem trug sie den Ruf der eisernen Wahrhaftigkeit mit sich. In der Folgezeit wurde in manchem Verfahren die Marinka Ćipčić, geborene Vučković, als Zeugin geladen und sagte vor Gericht aus. Man verließ sich hundertprozentig auf ihre Aussage, denn wer gegen den eigenen Mann aussagt, der sagt immer die Wahrheit.

 

Der Ruf der Vučković – war er schon so schlecht, als die hübsche Marinka den Ivan Ćipčić heiratete, oder entstanden die Gerüchte erst im Laufe der Wirren um das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, das sich später Jugoslawien nannte, oder um die Zeit, als die Ustascha in Kroatien die Herrschaft an sich riss, die Serben verfolgte und dann gegen die Partisanen Tito´s verlor. Zwistigkeiten waren im ganzen Land verbreitet; politische Streitig-keiten bis aufs Messer traten innerhalb vieler Familien auf; man traute dem Bruder, Schwager, Onkel nicht mehr. Irgendwann galt die Vučković-Sippschaft als unberechenbar, kriminell und sogar als Mörder. Es hieß: Vučkovička sila – die (unheilvolle) Macht der Vučković.

 

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges war es, da hatte sich jemand die Feindschaft eines Vučković zugezogen, wohl kein ungewöhnlicher Vorgang; und überliefert ist die Ankündigung des Vučković:

Am Tag des Heiligen Roko  (Tag des Hl. Rochus, der nahe seine Kapelle hat) - werd ich ihn treffen ins Oko  (kroat. oko= Auge).

Tatsächlich – als der Tag des Hl. Rochus gekommen war und die Prozession wie üblich vom Hügel, der nach Kotlenica hinüberführt, herunter zur Kapelle schritt, schoss der Vučković seinem Feind durchs Auge und tötete ihn damit. 

 

Als die Partisanen Tito´s allmählich die Macht im Lande übernahmen, geriet Ivan Ćipčić in den Geruch, ein Spion für die Faschisten gewesen zu sein. Dass er der italienischen Sprache mächtig war, reichte schon als schweres Verdachtsmoment. Eines Tage im Jahre 1943 kamen ein paar Männer – möchten auch welche von den Vučković dabei gewesen sein; sie führten ihn aufs Feld und erschossen ihn. Man hinterbrachte der Ehefrau Marinka die Nachricht.

 

-Gut so, soll sie gesagt haben; hätte er noch länger gelebt, dann hätte er mir noch mal dreizehn Kinder gemacht. Sie lebte damals im Haushalt ihres zweiten Sohnes Nikola; er liebte seine Mutter; wenn die Familie auf seiner Terrasse zusammen saß zum Essen, bestand er stets darauf, dass zuerst ihr angereicht wurde. Unter Rheuma hatte sie zu leiden; ihre Finger waren verkrümmt. Nada und Ljubica erinnern sich noch an ihre Großmutter. Die alte Dame mochte meine Frau Ljubica nicht. Sie kritisierte an ihr herum, oder sie ignorierte diese Enkelin. Ihre Schwiegertochter, Nikola´s Frau Ana, geborene Perković, hatte nichts zu sagen; sie versorgte einfach den Haushalt, ihre fünf Kinder und die Baba Marinka. Marinka aber liebte ihren jüngsten Sohn Branko; er wohnte gleich über die kleine Straße gegenüber. Er war ein eifriger Kommunist.

 

Irgendwann begann der Nachbar des Ćipčić-Grundstückes, mit Namen Marko, Vorbereitungen zu treffen für einen Hausbau. Die Vorarbeiten reichten aber teilweise in das Ćipčić-Grundstück hinein. Es wurden Gräben gezogen, da wo nachher die Mauern errichtet werden sollten. Marinka sah sich das eine Weile an. Doch eines Tages saß sie am Rand eines solchen Grabens, ließ ihre Beine in den Graben hinunter baumeln. Und als Mirko kam und das sah, sagte sie zu ihm: -Du kannst über meine Beine hinweg Mauern bauen; aber den Mund verbieten kannst Du mir nicht. Marko ließ darauf hin von seinem Bauvorhaben ab.

 

Als es für Marinka ans Sterben ging – sie war schon über achtzig -, rief sie allerdings ihre Schwiegertochter Ana zu sich und bedankte sich bei ihr herzlich für alles, was sie all die Jahre für sie getan hatte.

 

Begraben ist sie auf dem Friedhof bei St. Michael (Sveti Mihovil)  im Ćipčić-Grab; sechs Plätze hat so ein familiäres Gemeinschaftsgrab. Hier liegt auch ihr Sohn, Dida Nikola Ćipčić und seine Frau Ana. Und hier liegt auch Božidar Ćipčić, Nikola´s einziger Sohn, der Bruder von Ljubica und Nada; er wurde Bože genannt. Er fiel 1991 im Unabhängigkeitskrieg Kroatiens gegen die Serben unten bei Dubrovnik.

 

Als ich meine Frau Ljubica kennen lernte und mit ihr zum ersten Mal bei ihren Eltern war – im Jahre 1982 -, lebte Marinka nicht mehr. Ich habe sie leider nicht kennen gelernt. Damals, und die vielen Jahre darauf war die Terrasse von Dida Nikola ein legendärer Treffpunkt des Dorfes; verschiedene Angehörige seiner Familie und etliche aus dem Dorf trafen sich hier gerne. Nikola war Schöffe beim regionalen Gericht; er hat keiner Partei angehört, weder der Ustascha noch den Partisanen. Für nichts, für keine Ideologie ließ er sich vereinnahmen. Die Glaubwürdigkeit hat er von seiner Mutter geerbt.

 

Baba Marinka – die Frau mit dem ehernen Willen zur Wahrheit -, was sie wohl sagen würde zur Glaubwürdigkeit dieser Erzählung? Für wie vielen Angaben und Behauptungen dieses Schreibens gibt es keinen Beweis. Wir leben mit  Nachrichten, deren Wahrhaftigkeit wir nicht überprüfen können und richten uns doch danach. Selbst die Weitergabe von von kleinen Informationen unterliegen kaum einer  Kontrolle. Wie viel Informationen des heutigen Lebens, oder auch private Nachrichten, stellen sich später als falsch heraus!

 

Bei dem und jenem und vielem war ich nicht dabei. Eine alte Frau mit dem üblichen schwarzem Kopftuch; ich sehe sie lächelnd den Kopf schütteln über diesen Bericht. War sie ihrem Temperament nach eine Zeugin für diese, und nur diese Wahrheit, die überprüfbar, unmittelbar selbst erlebt und nach aller Einsicht und Vernunft wahr ist? Unsere menschliche Gemeinschaft baut auf das Mitschwingen mit Anderen, die Empathie, gebunden an Wahrhaftigkeit und Vertrauen; das ist die Voraussetzung. Die Wahrheit existiert nicht außerhalb der Präzision. Die Worte müssen richtig sitzen; und die verwendeten Wörter müssen treffen wie der Pfeil das Ziel. Da hat Marinka Ćipčić, geborene Vučković, in einer Zeit der Ideologien ein Zeichen gesetzt. Die Wahrheit kennt keine Leidenschaften. Die Pflege der Wahrheit ist unserem Gemeinwohl sehr bekömmlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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